Aktuelles

Am 30. September ist International Translation Day

International Translation Day 2019

International Translation Day 2019 - Der Mensch als Dolmetscher oder Übersetzer - ein Auslaufmodell?

Im Mai 2017 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen den International Translation Day ins Leben gerufen, um damit die Arbeit der professionellen Sprachmittler zu ehren, die eine wichtige Rolle dabei spielen, Nationen einander näher zu bringen, Dialog, gegenseitiges Verständnis und Kooperation zu ermöglichen und die einen Betrag zur Schaffung und Stärkung von Frieden und Sicherheit auf dieser Welt leisten. Aber trifft das heute überhaupt noch zu? Dieser Frage gehen wir in unserem Beitrag nach.

Der Mensch als Übersetzer und Dolmetscher - ein Auslaufmodell?

Wenn man als Unternehmen aus Kiel im Jahr 1980 eine Imagebroschüre ins Englische übersetzen lassen wollte, klemmpt man sich den vom Grafikdesigner erstellten Papierentwurf unter den Arm, vereinbarte einen Termin mit einem ortsansässigen Übersetzer und brachte dort sein Dokument persönlich vorbei.

Der Übersetzer nahm sich ein Blatt Papier und spannte dieses in seine Schreibmaschine ein. Zum Glück besass er ein Wörterbuch für Elektrotechnik und hatte kurz vor dem Auftrag noch mehrere 100 DM in ein neues Langenscheidt-Wörterbuch investiert, so dass er das meiste Vokabular vor Ort heraussuchen konnte. In der der Bibliothek der Technischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universtität zu Kiel fand er dann noch die letzten Fachbegriffe. Anwendungsbeispiele, um die gefundene Terminologie im Kontext zu überprüfen, gab es nicht. Das Ergebnis wurde dann wieder in Papierform vom Kunden abgeholt.

Mit dem Einzug von PCs in den 1980iger Jahren konnte der Übersetzer die Schreibarbeit auf den PC verlagern und Fehler korrigieren, ohne dass alles neu getippt werden musste. Ende der 1980iger Jahre konnte man diese Texte dann auch per E-Mail an Kunden versenden. Übersetzer und Dolmetscher wurden aber immer noch lokal gesucht und beauftragt.

Im Jahr 1990 beschloss die National Science Foundation der USA, das Internet auch für kommerzielle Zwecke nutzbar zu machen. Dies ermöglichte es nun jedem einzelnen Übersetzer, seine Dienstleistung Kunden rund um den Globus anzubieten. Außerdem konnten Übersetzerteams weltweit zusammengestellt werden. Dies stellte die Arbeit des Übersetzers, wie sie bis dahin gewesen war, völlig auf den Kopf.

Plötzlich waren rund um die Uhr Muttersprachler für jede erdenkliche Sprachkombination verfügbar. Man musste nur wissen, wie man sie findet und wie man ihre Qualität prüft. Die Zeit der Online-Übersetzungsagenturen war gekommen. 4-Augen-Prinzip und Muttersprachlerprinzip wurden in DIN-Normen zum Branchenstandard erhoben. 

Tools zur Optimierung der Arbeit des Übersetzers, sogenannte CAT-Tools (Computer Assisted Translation), die Termbases und Translation Memories einsetzen, wurden entwickelt. So konnte Zeit und Geld gespart werden und mehr Text in kürzerer Zeit übersetzt werden. Eins der ersten Unternehmen auf diesem Markt, SDL plc,  zählt heute mit einem Jahresumsatz von 323.3 Mio. GBP selbst zu den umsatzstärksten Sprachdienstleistern der Welt.

Heute gibt es kostenlose Übersetzungstools, wie Google Translate, das zunächst noch datenbankbasiert arbeitete und heute, wie auch DeepL, neuronale Netzwerke für Deep Learning nutzt und ständig, selbständig weiterlernt. Für Vernehmungen in Haftanstalten werden in Deutschland per Video Dolmetscher hinzugeschaltet und mobile Anwendungen, wie z.B. die Jeenie-App, erlauben es jedem, der ein Handy hat, sich zu jeder Zeit einen Dolmetscher direkt auf sein Handy zu holen. Außerdem gibt es Produkte, wie Google Pixel Buds, die einem in Echtzeit ins Ohr flüstern, was das Gegenüber gerade gesagt hat.

In vielen Anwendungsfällen sind diese Technologien sicherlich ausreichend und eröffnen einer viel größeren Gruppe von Menschen Zugang zu neuen Märkten, Kulturen und anderen Menschen als früher. Die Menge an Text, die heutzutage übersetzt werden muss, könnte ohne diese Technik nicht übersetzt werden und würde dann viele Unternehmen von der Globalisierung ausschließen, die keinen Zugang zu professionellen Übersetzungsdienstleistern haben.

Wahrscheinlich wird sich in den nächsten Jahren ein neues Berufsbild des Übersetzers herausbilden, das darin besteht, für qualitätsbewusste Kunden die von der Maschine übersetzten Texte auf Richtigkeit zu überprüfen oder bei marketing-orientierten Texten noch die persönliche, menschliche Note einzubringen.

Beim Dolmetschen wird es darauf ankommen, ob für den jeweiligen Job auch ein gewisses Maß an Empathie erforderlich ist oder vor allem die wörtliche Übertragung maßgeblich ist. Da kann die Maschine neutral und objektiv arbeiten und insofern vielleicht besser als der Mensch. Wenn aber bei der Begegnung auch das Menschliche noch eine Rolle spielt, wird der Mensch als Dolmetscher weiter gebraucht.

Ich bin gespannt, wohin die Reise geht und als begeisterte Reisende bin ich gerne dabei, wenn die Branche neue Wege beschreitet.

Alles Gute allen Kolleginnen und Kollegen weltweit zum International Translation Day!!!

Hintergrundinfos zum International Translation Day und der Tätigkeit von Übersetzern und Dolmetschern bei den Vereinten Nationen gibt es auf Englisch, Französisch und Russisch und Spanisch auf der Seite der Vereinten Nationen.